Interview FILIUS Februar 2015 zum Thema Dyskalkulie

Adam Riese? Nie gehört! 
3 mal 3 macht 6 widdewidde wer will’s von mir lernen?

Bei Menschen mit einer „Dyskalkulie“ ist Rechnen geradezu ein Buch mit sieben Siegeln. Die Fachtherapeutin (für psychophysiologische Therapien) bei LRS, Dyskalkulie AD(H)S, AVWS des VLL N/T e.V. Britta Hauch berichtet im FILIUS-Interview von den Ausprägungen und Hilfestellungen für betroffene Kinder.
Wann und wie äußert sich eine sogenannte Rechenschwäche?
Viele Eltern vermuten schon länger, dass etwas mit ihrem Kind nicht stimmt. Doch gerade in den ersten ein, zwei Schuljahren ist es mathematisch möglich, ein richtiges Ergebnis auch zählend oder durch reines Auswendiglernen zu erreichen. Erst wenn die Aufgabestellungen komplexer werden, meistens zur Mitte des 3. Schuljahres, reichen die Strategien oft nicht mehr aus und die Schwierigkeiten spiegeln sich dann auch in den Schulnoten wieder.

Daher macht es Sinn das Kind zu fragen, wie es auf das Ergebnis gekommen ist und nicht nur auf eine richtige Lösung zu achten. So kann frühzeitig überprüft werden, ob das Kind in der Lage ist, mathematische Grundregeln zu verstehen und abzuleiten. Manches rechenschwache Kind hat sich „nur“ einen sehr komplizierten Rechenweg angeeignet und benötigt daher zu viel Energie und Zeit um mit seinen Hausaufgaben fertig zu werden.
Ein Kind mit einer Dyskalkulie hat jedoch wesentlich massivere Probleme. Es addiert und subtrahiert z.B. wie folgt:

– jede Aufgabe mit Fingern oder zählend im Kopf
– vertauscht die Rechenzeichen (3 mal 3 =6)
– kann widersprechende Ergebnisse (4+5=9 und 40+5=90) nicht erkennen
– schreibt und spricht Zahlen verkehrt herum
– lernt Reihenfolgen auswendig, kann aber Zusammenhänge nicht alleine ableiten (3 mal 4 oder 4 mal 3)

Die Eltern berichten, dass das Gelernte schnell wieder vergessen wird, dass das Kind sehr lange an den Hausaufgaben sitzt, häufig über Bauch- oder Kopfschmerzen klagt und selber äußert, dass die Klassenkameraden viel schneller rechnen können.

Welche Faktoren machen eine Dyskalkulie wahrscheinlich?
Laut der Weltgesundheitsorganisation wird eine Dyskalkulie als Teilleistungsstörung definiert, die nicht alleine durch eine Intelligenzminderung oder eine eindeutig unangemessene Beschulung erklärbar ist. Dabei sollte man sich hierbei vor Augen halten, dass eine Rechenschwäche auch durch seelische Probleme hervorgerufen werden kann. Familiäre Probleme, Ängste vor einem Schulversagen, häufiger Lehrerwechsel oder ein Umzug sind einige der möglichen Gründe, dass ein Kind den Anschluss verliert und sich eigene Rechenstrategien entwickelt, die dem mathematischen Verständnis nicht förderlich sind. Davon abzugrenzen ist die Rechenschwäche, die sich durch ein Zusammenspiel von Ursachen entwickeln kann.

Ein Beispiel: Luisa war bis zum Kleinkindalter ein fröhliches, neugieriges Kind. Als Kleinkind war sie oft krank, bedingt durch Mittelohrentzündungen und Bronchitis bekam sie im Alter von vier Jahren Paukenröhrchen. Sie ist kaum gekrabbelt, hat aber früh angefangen zu laufen. Zu sprechen begann sie eher spät.
Rad- und Inlinerfahren lernte Luisa schnell, wie sie eigentlich alles sehr schnell und „ungebremst“ vollzog. Auf die Nachfrage, ob Luisa denn auch langsam und vorsichtig fahren könne, sagte der Vaters dass Luisa dann des Öfteren fast hinfallen würde. Ihm sei auch schon aufgefallen, dass Luisa einen eher schlaffen Muskeltonus habe und häufig rechts und links verwechseln würde.
Bereits im Kindergarten haben die Erzieherinnen Luisas Eltern immer wieder zu Gesprächen eingeladen. Luisa würde sich im Kontakt mit anderen Kindern schwer tun, sie würde die Kinder schubsen, selber falle sie oft hin und stoße sich auch ständig. Bei allen Würfel- oder Memoryspielen verweigere sie sich. Wenn es im Raum laut würde, setze sich sie häufig unter den Tisch. In der Grundschule ging es so weiter. Luisa konnte nicht stillsitzen, rieb sich ständig die Hände, wollte in einer Stunde mehrfach zur Toilette, vergaß oft Anweisungen und auch ihre Arbeitsmaterialien.

Bei Luisa ist zu vermuten, dass wesentliche Lernvoraussetzungen noch nicht ausgereift sind. Diese beziehen sich, neben der auditiven und visuellen Wahrnehmung, auch auf den motorischen Bereich, wobei hier frühkindliche Restreaktionen oft eine Rolle spielen. Einen besonderen Stellenwert hat im Bezug zur Mathematik der taktile (Oberflächensensibilität) der propriozeptive (Tiefensensibilität) und der vestibulär (Gleichgewicht) Wahrnehmungsbereich.: Die Wahrnehmung der eigenen Person, der Aufbau eines Körperschemas, an dem sich das Kind im Raum und in der Zeit orientieren kann, wird vor allem durch eine gut ausgeprägte Tiefensensibilität erzielt. Im Falle von Luisa könnten sowohl das häufige Fallen als auch das Schubsen anderer Kinder sowie das ständige Händereiben Anzeichen einer mangelnden Körperwahrnehmung sein.

Wirkt sich Dyskalkulie, neben schlechten Schulleistungen, auch auf den Alltag aus?
An Luisas Beispiel kann sich jeder vorstellen, dass es mit dem Selbstbewusstsein des Kindes nicht zum Besten bestellt ist. Der mangelnde Selbstwert des Kindes fördert wieder die seelische Problematik, die wiederum die Lernblockade verstärkt. Mit der Zeit kann sich dies auf weitere Bereiche auswirken, die nicht nur etwas mit Zahlen, Geld, Uhrzeit, Längen, Gewichten etc. zu tun haben. Luisa hing mehr oder weniger am Rockzipfel ihrer Mutter, traute sich selber kaum noch etwas zu, es fielen immer öfter die Sätze “Ich bin dumm, ich kann das sowieso nicht“. Ihre Mutter stellte fest: „Ich erkenne mein Kind gar nicht mehr wieder, sie war doch eigentlich immer so fröhlich.“

Mit welchen Methoden kann man den Kindern helfen?
Hier gilt es, nach einer genausten Ursachenanalyse eine auf das Kind und auch auf die familiäre Situation und Begebenheiten angepasste Förderung zu erstellen. Selbstverständlich lernt ein Kind nur dann rechnen, in dem es dieses auch durchführt. Es hilft nicht, Aufgaben zu rechnen, die es wieder nur zählend bewältigen kann oder die ihm eh schon schwer fallen. Der Entwicklungstand und die Rechenstrategien des Kindes müssen erkannt und darauf aufbauend die Übungseinheiten systematisch gestaltet werden. Ein Kind, das noch mit den Fingern oder im Kopf zählt, steckt noch auf der Handlungsebene fest und benötigt hierfür Materialien zur Anschauung und zum Verständnis. Die nachfolgende Stufe ist dann die Bildebene, in der Mengen und Rechenoperationen zeichnerisch dargestellt werden. Die dritte Stufe wird erreicht, wenn das Kind in der Lage ist, Ziffern und Rechenzeichen zu erkennen und zu verstehen. Erst danach kann das Kind die letzte Stufe der Automatisierung erreichen, wobei dann komplexere Aufgaben und auch die Geschwindigkeit der Rechenaufgaben trainiert werden können. Beruhen die Rechenschwierigkeiten zudem auf seelischen Problemen, sollte dies auch ein wesentlicher Bestandteil einer Förderung sein. Hier haben wir mit kinesiologischen Einzelbalancen sowie Bio- und Neurofeedback-Anwendungen sehr gute Erfahrungen gesammelt. Bei schwerwiegenden Problemen sollte ein/eine Kinder- und Jugendpsychotherapeut/in aufgesucht werden.

Was können Eltern zur Unterstützung tun?
Die Eltern berichten im Gespräch, dass sie seitens der Schule den Auftrag hätten, zu Hause mit ihrem Kind mehr zu üben, zu üben und noch mehr zu üben. Als Folge liegen die Nerven bei allen Beteiligten blank. Manche Eltern äußern, dass sie das Gefühl hätten, ihr Kind wolle sie ärgern, denn am manchen Tagen klappe es ja und an anderen überhaupt nicht.

Den Eltern geben wir gerne das Beispiel des Autofahrens. In den ersten Fahrstunden ist man froh, wenn man Pedale und Gänge auseinanderhalten kann. Heute fährt man Auto, ohne großartig nachdenken zu müssen. Mathematik ist für ein Kind mit Dyskalkulie wie die ständig erste Fahrstunde. Es kommt nicht in die Stufe der Automatisierung. Jede Aufgabe erfordert erneut die volle Aufmerksamkeit und Konzentration und diese ist sehr von der Tagesform abhängig.

Es ist hilfreich,
– wenn dem Kind genügend Zeit gegeben wird, sich zu entwickeln und um die einzelnen Phasen der Mathematik zu begreifen und zu verinnerlichen
– wenn die Eltern sich die Schwierigkeiten bewusst machen und sich über das Thema informieren
– wenn Mathematik praktisch geübt wird: Backen, Gewichte wiegen, Längen messen lassen, beim Spaziergang Stöcke sammeln und Rechenaufgaben daraus konstruieren, Körpergrößen auf Tapetenrollen aufzeichnen lassen, wer ist größer, wer ist kleiner
– hier kann man seiner Phantasie freien Lauf lassen